Kulturlandschaft Ostfalen

Die Region um den Harz herum fasziniert in vielerlei Hinsicht:

  • geologisch  oder
  • historisch ,
  • mit seiner Fauna und Flora  oder
  • mit seiner Technik .


Der Homo Erectus lebte über eine Million Jahre lang und hinterließ in unserer Region in Schöningen (Speere), in Bilzingleben (bei Artern, Siedlung), in Jeinsen (Faustkeile) wie auch in Döhren, Hemmingen und Wilkenburg (südlich Hannover) Artefakte und Spuren. Das städtische Museum von Salzgitter-Salder bewahrt einen vollständigen steinzeitlichen Siedlungsplatz aus dem Fuhsetal, als das Harzumland Teil einer riesigen Tundra war, durch die Mammute, Ren und Wollnashörnern zogen.

Die Böden um den Harz herum gehören zu den reichsten Europas (Lößboden). Sie ernährten eine zahlreiche Bevölkerung. Die Lößboden-Gebiete nördlich des Harzes waren größer, als südlich des Harzes, weshalb vor allem im nördlichen Harzvorland politische Machtzentren („Heeseberg“ südlich Schöningen, Quedlinburg, Braunschweig, Hannover) entstanden.

Schon vor dreitausend Jahren (Bronzezeit) ernährte diese Landschaft eine hochentwickelte Kultur, wovon die Himmelsscheibe von Nebra (siehe www.himmelsscheibe-erleben.de) oder die Handelsfunde aus der befestigten Siedlung bei Isingerode/Schladen (siehe www.fabl.de) zeugen.

Römer und Cherusker

Um Christi Geburt sah es so aus, als ob das Land der Germanen zwischen Rhein und Elbe zur Römischen Provinz würde. Im Jahre 9 nach Christus organisierte der Cheruskerfürst Arminius eine Gegenwehr und vernichtete mit einer Stammeskoalition drei römische Legionen in den Tiefen des Teutoburger Waldes. Die Siedlungsgebiete der Cherusker reichten im Osten bis an die Oker und an das Große Bruch.
Ostfalen ist reich an Geschichte.

Der Name „Ostfalen“ leitet sich von einem Teilstamm der Sachsen, den Ostfalen, auch „Ostleute“ genannt, her. Im Früh- und Hochmittelalter gab es den Verwaltungsgau Astfala/Ostfalen zwischen Hildesheim und Braunschweig. An der Oker unterwarf sich Hessi, der Herzog der Ostfalen 775 dem fränkischen Eroberer Karl der Große. Die Franken ordneten das Land um den Harz herum drei Bistümern zu: Mainz (Südharz), Hildesheim und Halberstadt. Die untere Unstrut war die Südgrenze des Bistums Halberstadt. Hessis Tochter, Gisela, gründete in Wendhusen (Thale) das erste bekannte Kloster als Damenstift (siehe www.nag-history.de).

Westfalen und Ostfalen

Ostfalen und Westfalen gehörten ursprünglich zum sächsischen Stammesverband, zu dem auch die Engern an der Weser und die Schwaben zwischen Bode und Wipper gehörten. Pippin, Vater Karls des Großen, fiel 747 mit seinem fränkischen Heer ins Land der Ostfalen und errichtete sein Lager bei Schöningen an dem Fluss Missau, während das Heer der Ostfalen bei Ohrum an der Oker lagerte.

Die Namen Ohrum und Schöningen sind nicht die ältesten überlieferten Ortsnamen dieser Region; die Namen Ronnenberg (Hannover) und Scheidungen (Unstrut) sind indirekt für das 6. Jahrhundert überliefert. Wir haben es mit einer uralten und intensiv genutzten Kulturlandschaft zu tun, was sich auch in den Namen von Siedlungen, Bergen und Gewässern niederschlägt.

Gegen die Eroberung durch die Franken tat sich besonders Widukind, Herzog der Westfalen, hervor. Jenen Widukind rechnete das adelige Geschlecht der Immedinger zu seinen Stammvätern. Mathilde, die Frau König Heinrichs I. (919-936) war eine Immedingerin.

Das Geschlecht der Liudolfinger

100 Jahre nach Karl dem Großen führten aber nicht die Immedinger, sondern die Liudolfinger (benannt nach Liudolf, dem Gründer des Klosters von Gandersheim, 9. Jh.) diesen Raum zwischen Aller, Elbe, Unstrut/Saale und Leine politisch an. Heinrich I. war ein Liudolfinger, Sie waren Ende 9. Jh. und Anfang 10. Jahrhunderts Herzöge der Sachsen und stellten fünf deutsche Könige und vier römische Kaiser: Heinrich I., Otto I. (der Große, 936-973), Otto II. (973-983), Otto III. (983-1002) und Heinrich II. (1002-1024).

Der Machtpolitik dieser Heinrichs und Ottos verdanken wir die eigentliche Ausgestaltung der Kulturlandschaft zur Königslandschaft mit ihren Klöstern, Stiften, Burgen, Pfalzen und Marktorten. Die Liudolfinger hatten in der Burg (später: Pfalz) Werla einen ihrer Hauptsitze, den sie – nach der Entdeckung der Silbervorkommen im Rammelsberg bei Goslar (siehe www.rammelsberg.de) – zu Beginn des 11. Jahrhundert nach Goslar verlegten (siehe „Archäologieland“). Otto der Große (936-973) holte 962 das Römische Kaisertum in diese Königslandschaft um den Harz herum. Die liudolfingischen oder auch ottonischen (nach Otto dem Großen) genannten Pfalzorte lagen vornehmlich um den Harz herum: Wallhausen, Allstedt, Tilleda, Pöhlde, Grone, Werla, Goslar, Brüggen, Königsdahlum, Magdeburg oder Merseburg. Liudolfingisch/ottonisch sind auch die Klöster in Gandersheim, Quedlinburg, Nordhausen und Duderstadt.

Der Einfluss der Bischöfe

Ostfalen gehörte zu drei Bistümern: zu Mainz (Südharz), zu Hildesheim und zu Halberstadt. Später kamen noch die Bistümer von Magdeburg und Merseburg dazu, wobei vor allem Halberstadt an diese neuen Bistümer Gebiete abtreten musste. Das Bistum Hildesheim war für die Liudolfinger wichtig. Von Bischof Altfrid (9. Jh., ein Liudolfinger) stammt der erste steinerne Dombau in Hildesheim (872). Otto III. setzte 993 seinen einstigen Erzieher Bernward auf den Bischofsstuhl. Bischof Bernward (+1022) prägte mit seinem neuerrichteten Kloster St.Michael den romanischen Baustil. Durch Sachsen-Anhalt führt heute eine „Straße der Romanik“ zu weiteren bedeutenden Beispielen dieses Baustils (siehe auch www.ndrom.de). Aber auch Nordthüringen verfügt über Beispiele der Romanik: Göllingen.

Der Einfluss des Adels

Bischof Bernward entstammt der Adelsfamilie der Immedinger, die von Bernshausen am Seeburger See bis Ringelheim (Hauskloster, Salzgitter) ihren Besitz hatten. Im Mittelalter prägten wenige hochadelige Familien die Geschicke und die Gestaltung der Kulturlandschaft: Die Brunonen (Braunschweig), die Immedinger (Ringelheim), die Liudolfinger (Gandersheim), die Ricdag-Sippe (Lamspringe), die Hessi-Sippe (Thale), die Gero-Sippe (Gernrode) oder die Askanier (Ballenstedt), um nur einige Beispiele zu nennen. Landschaft war die Summe des heimatlichen Adels. Der Adel prägte die Kulturlandschaft: Sie ließen roden, legten Dörfer an und Kirchen bzw. Klöster an. Seit dem 12. Jahrhundert begann der Adel, sich nach Burgen zu nennen.

Das Braunschweiger Hanse-Viertel

Es dauerte Jahrhunderte, bis auch die Stadtbürger eigenständigen Einfluss auf die Gestaltung der Kulturlandschaft gewannen. Das älteste deutsche Rathaus steht in imposanter Bausubstanz in Duderstadt. Von herausragender Popularität ist das wieder errichtete Knochenhaueramtshaus in Hildesheim. In Braunschweig wurde die „Alte Waage“ (Fachwerkhaus) wieder errichtet. Durch Ostfalen verläuft die Deutsche Fachwerkstraße.

Die Stadt als solche ist die Keimzelle der Demokratie und kommunalen Selbstverwaltung. Städte verbündeten sich gegen den Adel zur Hanse-Gemeinschaft. Braunschweig selbst führte das regionale Hansequartier um den Harz herum an.

Die bäuerliche Bevölkerung

Die Masse der Bevölkerung lebte auf dem Dorfe außerhalb jeglicher politischer Einflussmöglichkeit. Für die meisten Menschen unserer Region war das Dorf der Mittelpunkt ihres Lebens und Heimat. Die Sprache (Mundart) dieser Menschen zwischen Hannover, Thale und Göttingen erhielt sich über Jahrhunderte und nennt man heute noch ostfälisch. Heute kümmert sich das Ostfälische Institut (siehe www.ostfalen.de) um den Erhalt dieses alten Dialektes. Ostfalen behielt trotz Industrialisierung seinen ländlichen Charakter. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in Südostniedersachsen eine industriell geprägte Metropolregion („Hannover- Braunschweig-Göttingen“).

Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär und Erzbischof Wichmann

Braunschweig, der Hauptort der Brunonen, wurde unter dem Welfen Heinrich der Löwe zur ersten Hauptstadt eines deutschen Fürsten überhaupt. Hier steht die größte freistehende Bronzeplastik nördlich der Alpen: der Löwe vom Burghof (12. Jh.).

Der Askanier Albrecht der Bär stand zum Welfen Heinrich der Löwe in Konkurrenz. Heinrich expandierte über Lüneburg Richtung Lübeck und Albrecht über Stendal in die Altmark und von dort nach Brandenburg. Beider Zeitgenosse war der Magdeburger Erzbischof Wichmann, der über Burg Richtung Jüterbog expandierte. Vom welfischen Lübeck und bischöflichen Magdeburg gingen die wichtigen Stadtrechte (das Lübecker und das Magdeburger Stadtrecht) als rechtliche Exportgüter in den Osten Europas. Im Ostharz wurde auf der Burg Falkenstein das Recht der Sachsen, der Sachsenspiegel (ca. 1235), aufgeschrieben – ein weiterer kultureller Export-“Schlager“ nach Mittel- und Osteuropa.

Welfen, Askanier und Magdeburger Erzbischöfe

Die Erben Heinrichs des Löwen, die Welfen, bauten Braunschweig, Göttingen, Hardegsen, Hannover oder Wolfenbüttel als Residenzstädte aus. Das Herrenhäuser Schloss (Hannover) mit seinen barocken Gärten sah den Philosophen Leibniz und den Komponisten Händel, das Schloss in Wolfenbüttel sah den Dichter Lessing. Die Magdeburger Erzbischöfe bauten Halle, den Geburtsort Händels, zur Residenzstadt aus. Magdeburg selbst ist der Geburtsort des Barock-Komponisten Telemann.

Die Nachfahren Albrechts des Bären (=Askanier, auch Anhaltiner) errichteten im nordöstlichen Harzvorland einige Herrschaften. Aschersleben, Zerbst und Köthen waren Hauptstädte der Anhaltiner. Eine weitere Hauptstadt der Anhaltiner war Dessau, vom fürstlichen Glanz zeugen die Schlossparkanlagen von Dessau-Wörlitz. In Dessau wurde auch das „Bauhaus“ zum Weltkulturerbe erklärt.

Ostfalen hatte nie e i n e Hauptstadt, war aber eine der Kernregion deutscher Geschichte.

Land der Reformation

Östlich des Harzes liegt der eigentliche Kernland der lutherischen Reformation: In Eisleben kam Martin Luther zur Welt und dort starb er 1546. In Mansfeld wuchs er auf. In Wittenberg promovierte er 1512 und wurde Theologieprofessor. In Wittenberg nahm die Reformation am 31.10.1517 (Reformationstag) ihren Ausgang. Ostfalen beweist, dass es nicht immer Großstädte bedarf, um große Persönlichkeiten hervorzubringen. Südlich von Nordhausen erlitt bei Bad Frankenhausen 1525 der Reformator Thomas Müntzer mit seinen Bauern die entscheidende Niederlage. Müntzer stammt as Stollberg im Harz.

Land der Köpfe

Aus dem kleinen Hornburg stammt der deutsche Papst Clemens II. (1046/47). Der Entdecker und Ausgräber von Babylon stammt aus Blankenburg. Die meopotamische Keilschrift wurde von einem Lehrer in Göttingen entziffert. Aus der Hansestadt Hildesheim zog Piping aus, um wahrscheinlich noch vor Kolumbus Amerika entdeckt zu haben.

Einer der größten Humoristen, Til Eulenspiegel, stammt aus dem kleinen Dorf Kneitlingen bei Schöppenstedt am Elm. Ein weiterer Humorist war Wilhelm Busch (Mechtshausen, Ebergötzen, Hannover), der Erfinder von „Max und Moritz“. In Wolfenbüttel schrieb Lessing seinen „Nathan der Weise“; in Hannover wirkte der Philosoph Leibniz.

Geistesgeschichtlich sind die Universitätsgründungen von Halle (1694) und Göttingen (1734) für die Entwicklung aufklärerischen Denkens von entscheidender Bedeutung. Halle wurde dann zum Zentrum des deutschen Pietismus.

Mit den Komponisten Georg Friedrich Händel (Halle) und Georg Philipp Telemann (Magdeburg) trug diese Region auch zur Musikgeschichte bei.

Land der Technik

Ostfalen war bis zum 19. Jahrhundert ein schwach urbanisierte Raum. Mit den Eisenbahnlinien Braunschweig-Wolfenbüttel (1838) und Magdeburg-Halberstadt (1843) begann die Industrialisierung mit zwei Paukenschlägen. Im Bereich der Bergwerkstechnik verfügt diese Region über eine Jahrtausende alte Tradition (siehe Goslar), die sich aber in der gesamten Region greifen lässt (Schaubergwerk Rübeland bei Elbingerode).

Zwischen 1949 und 1989 zog sich eine künstliche staatliche Trennung durch Ostfalen insbesondere durch das katholische Eichsfeld. Im jungen Südostniedersachsen wuchs eine neue urbane Industrieregion heran, die sich heute Metropolregion „Hannover-Braunschweig-Göttingen“ nennt (siehe auch Texte der Puzzle-Teile). Mit „Volkswagen“ wurde Wolfsburg zur Großstadt und „Autostadt“. Heute erinnern das „Grüne Band“ und einige Grenzlandmuseen an den Kalten Krieg und seine Folgen für Europa, Deutschland und Ostfalen.

Ostfalen besticht durch den Reichtum seiner Geschichte und Kulturgüter aus jeder Epoche. Wer sich durch die Landschaft um den Harz herum auf Entdeckungsreise begibt, wird reich belohnt. Man entdeckt dabei aber auch, wie sehr diese Kulturlandschaft ihr mittelalterliches Gepräge noch bewahrte.

 

 

 

Powered by Website Baker